Anne!

 

Foto: NEZ vom 14.11.18

Foto: NEZ vom 14.11.18

 

Es ist vollbracht. Am 09.11. hat der Hamelner Chor, der Projektchor Gymnasium Warstade und der Gospelchor „The Christians“ das Oratorium „Anne!“ aufgeführt.

Den Sängern, Bläsern und allen Mitwirkenden war anzumerken, wie gut sie vorbereitet waren und mit wie viel Enthusiasmus sie an das Werk herangegangen sind.

 

Hier einige Fotos, die ich leider nur aus der Kirchenbank heraus machen konnte.

Gymnasiastinnen mit tiefem Ernst bei der Sache.

 

Interview der NEZ mit Christian Cordes

NEZ

„Ein Oratorium zum Thema Rassismus. Trifft hier eine Botschaft ins Schwarze?“

 C.C. „Das Oratorium zeigt an einem beeindruckenden Beispiel, wie die Nationalsozialisten millionenfach Lebensperspektiven zerstört und Leben vernichtet haben. Die Aufführung setzt also ein Zeichen: Menschen, die versuchen, diese Verbrechen irgendwie zu relativieren, bekommen musikalisch damit die passende Antwort.“

 

NEZ „Wie ist das, wenn man als Chorleiter vorne steht mit dieser Kraft an Emotionen vor der Brust?“

C.C. „Es ist eine tolle Erfahrung. Ich habe das schon bei der Hauptprobe erlebt: Es entwickeln sich sehr emotionale Schwingungen zwischen Chor und Chorleiter. Ich musste nur immer wieder aufpassen, mich nicht von den Emotionen hinreißen zu lassen. Die Aufführung dirigierte dann ja Knut Petscheleit.“

 

NEZ „Was ist das Besondere an der Arbeit in so einem Chorprojekt?“

„Einmal natürlich der große Chor; wir haben die Möglichkeit, andere, neue Leute kennenzulernen und etwas von der Arbeit in anderen Chören zu erfahren. Aber auch die Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen – in diesem Fall die Ehepaare Gramm und Petscheleit – ist eine sehr bereichernde Erfahrung.“

Kim van Hein

v.r.n.l. Reinhard Gramm und seine Frau Marita, Christian Cordes, Lektorin Christiane Mühler und Knut Petscheleit

 

Zeitungsartikel der NEZ vom 14.11.18

Von Carmen Monsees

HEMMOOR. „Anne – damit wir klug werden!“ So treffend ist das Brass-Oratorium benannt, das am Freitagabend in der Warstader Christuskirche das kurze Leben der Anne Frank erzählte. Durch ihr Tagebuch wurde Anne Frank zum Symbol für die Verfolgung und Ermordung von sechs Millionen Menschen.

Der Hemmoorer Gospelchor „The Christians“ und Warstader Schülerinnen und Schüler haben gemeinsam mit dem Blechbläser-Ensemble „b-team Itzehoe“ das „Anne-Frank“-Oratorium erarbeitet. Das Tagebuch dieses jungen Mädchens ermöglicht nicht nur einen Blick zurück in die finstere Zeit des Nationalsozialismus, sondern macht deutlich, wie wichtig Frieden, Freiheit, Achtung, Respekt und Toleranz sind. Die Aufführung stand unter Leitung von Knut Petscheleit. Kim von Hein und Lektorin Christiane Mühler lasen aus dem Tagebuch der Anne Frank.

Das bewegende Oratorium beschreibt einen Ausschnitt aus dem Leben des jüdischen Mädchens, das mit seinen Tagebüchern ein Synonym für Unterdrückung und Verfolgung ausgegrenzter Men­schen und des jüdischen Volks im Dritten Reich geworden ist. In der voll besetzten Warstader Kirche wurde die menschenverachtende Ideologie der Naziverfolgung nochmals deutlich aus dem, was die 17-jährige Schülerin mit vorbildlicher Erzählstimme aus dem Tagebuch vorlas. Damit ließ Kim von Hein das Mädchen Anne Frank, das mit 13 Jahren begann, den Alltag ihrer Familie im Versteck vor den Nazis im Tagebuch festzuhalten, lebendig werden.

Durch das Tagebuch erfuhren die Zuhörer vom Alltag in der Kriegszeit. Ebenso erfuhren sie etwas über Geschichte und religiöse Bräuche von Juden. Sie erfuhren aber vor allem, wie die Verfolgung durch die Nazis das Schicksal der Juden bestimmte. So ging es beispielsweise um die Rassengesetze zur Nazizeit. .Kim von Hein las: „Juden müssen einen Judenstern tragen, ihre Fahrräder abgeben; Juden dürfen sich nicht auf öffentlichen /Plätzen, die der Vergnügung dienen, aufhalten.“

Emotionale Herausforderung

Knut Petscheleit als Dirigent verstand es, die Tagebucheinträge von Anne Frank musikalisch nachzuempfinden und so zu vertiefen. Ihm gelang es, Chor und Bläser für diese emotionale He­rausforderung zusammenzuführen. Die Zuhörer konnten während des Oratoriums auch die gesprochenen Worte auf sich wirken lassen.

In neun kurzen Stücken haben der Komponist Reinhard Gramm und seine Frau Marita, die am Freitagabend anwesend waren, wichtige Lebensstationen und Zitate von Anne Frank aus der Zeit in Amsterdam, von dem Schrecken über den Verrat und die Verschleppung bis hin zum Klagelied des Vaters dramatisch und anrührend vertont.

Nach der Ouvertüre sowie den Stücken „Lebenslust“ und „Ankündigung des Schreckens“ thematisierte das Stück „Psalm 69″ die Tiefe des Leids. Die Chorstimmen drückten aus, da spricht jemand, der am Ende ist. „Gott hilf mir, denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.“ Mit dem Luther-Lied „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“ erinnerte Komponist Reinhard Gramm an Luthers antisemitische Äußerungen, die auch der NS-Propaganda dienten. Die Deutschen Christen – eine rassistische, antisemitische Strömung innerhalb der evangelischen Kirche, im Gegensatz zur Bekennenden Kirche – benutzten sie, um die staatliche Entrechtung der deutschen Juden und Ausgrenzung getaufter Juden zu rechtfertigen, besonders im Kontext der Novemberpogrome 1938. Ab 1950 distanzierten sich die evangelischen Kirchen von Luthers Anti Judaismus.

Das anschließende leise „Stille Nacht, Heilige Nacht“ sollte keine Weihnachtsfreude vermitteln. Der Chor sang kummervoll. Im Februar 1945 starb Anne Frank in Bergen-Belsen, ebenso wie ihre Schwester. Nur ihr Vater überlebte. In der „Klage eines Vaters“ verliehen Chor und Bläser dem Vater, der nach dem Krieg um seine Kinder trauerte, eine Stimme. Danach war Stille – minutenlang. Die Zuhörer schwiegen mit.

Das Werk von Reinhard und Marita Gramm war bewegend. Es war ein Mahnmal gegen Krieg und Intoleranz. Der engagierten Aufführung mit vielen Texten und kurzer Abfolge von Chorgesang, Bläsereinsatz sowie Percussion zollte das Publikum Respekt und spendete großen Beifall.

Ergriffen entließ das Brass-Oratorium „Anne! Damit wir klug werden“ die Zuhörer in den grauen Novemberabend mit dem denkwürdigen Datum. Die Botschaft als Zeichen gegen Rassismus und Diskriminierung schien an diesem Abend angekommen. Heute ist sie aktueller denn je.

 

»Es beklemmt mich, dass wir niemals hinausdürfen, und ich habe große Angst, dass wir entdeckt und dann erschossen werden«.

Aus Annes Tagebuch, 28. Sept. 1942

»Nach draußen, Luft, Lachen, schreit es in mir. Ich lege mich auf die Couch, schlafe, um die Zeit, die Stille und die schreckliche Angst abzukürzen… «

Aus Annes Tagebuch, 29. Oktober 1943

»… die anständigsten Menschen werden in Konzentrationslager geschickt, und der Abschaum regiert über Jung und Alt, Arm und Reich.

Aus Annes Tagebuch, 25. Mai 1944

»Ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit. Doch wenn ich zum Himmel schaue, denke ich, dass sich alles zum Guten wenden wird«

Aus Annes Tagebuch, 15. Juli 1944

 

Das Tagebuch

Das Tagebuch der Anne Frank gehört zum Weltdokumentenerbe.

Über 25 Monate hinweg schrieb sie über ihre Sorgen, Gedanken und Träume und vom Zusammenleben der Bewohner im geheimen Hinterhaus in Amsterdam. Es ist eines der authentischen Zeitdokumente über die Schrecken der NS-Herrschaft. Anne Frank und ihre Schwester starben im KZ Bergen-Belsen. Einzig Vater Otto überlebte den Holocaust.

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